Pubertät & Konflikte: Wenn der Azubi plötzlich rebelliert (AdA-Wissen für Industriemeister)
1. Der Hook: Aufstand in der Montagehalle
Es roch nach kaltem Metall und verbranntem Gummi in der Montagehalle. Der typische Eisenbruch-Duft an einem Dienstagmorgen. Doch die friedliche Routine wurde jäh durch ein schepperndes Geräusch zerrissen.
„Herrgott noch mal! Kevin! Du bist 1,90 Meter groß, aber bewegst dich wie ein Storch im Salat. Pass doch auf!“ Werners Stimme hallte von den gekachelten Wänden wider.
Mark Solberg, der gerade die Schichtpläne prüfte, sah auf. Kevin-Pascal, der Azubi, stand vor einer umgestürzten Schachtel Dichtungen. Sein Gesicht hatte die Farbe einer Warnleuchte angenommen. In den letzten sechs Monaten war der Junge gefühlt zehn Zentimeter in die Höhe geschossen – Arme und Beine wirkten, als gehörten sie nicht ganz zu seinem Körper.

Statt die Dichtungen aufzuheben, feuerte Kevin den 13er-Schlüssel auf die Werkbank. Es klirrte laut. „Boah, chill mal! Immer nur Meckern!“, blaffte Kevin zurück, die Stimme schwankend zwischen Bariton und Kiekser. „Das Regal steht da auch total bescheuert. In diesem Laden ist doch eh alles veraltet. Mein Onkel sagt, in modernen Firmen gibt’s Roboter für sowas.“
Werner starrte ihn an, als hätte der Azubi gerade behauptet, die Erde sei eine Scheibe. „Wie redest du mit mir? Ich bin dein Vorarbeiter, nicht dein Kumpel vom Skaterplatz!“
„Ja, ja... Vorarbeiter. Als ob das heute noch was zählt.“ Kevin drehte sich trotzig weg und verschränkte die schlaksigen Arme.
Werner drehte sich zu Mark um, die Halsschlagader dick geschwollen. „Hast du das gehört? Totale Arbeitsverweigerung. Der Junge ist faul und respektlos. Abmahnung! Sofort!“
Mark trat ruhig dazwischen. Er kannte diesen Blick von Werner – und er kannte die Haltung von Kevin. Hier prallten keine Egos aufeinander, sondern Entwicklungsphasen.
„Moment, Werner. Komm mal kurz mit rüber.“ Mark zog den Altmeister außer Hörweite hinter einen Materialcontainer. „Atme durch. Das ist keine Faulheit. Das ist Biologie.“
2.Das Wissen: Entwicklungsphasen (Pubertät & Adoleszenz)
Für angehende Industriemeister (Handlungsfeld: Führung und Personal) ist es entscheidend, das Verhalten von Auszubildenden nicht nur emotional, sondern entwicklungspsychologisch einordnen zu können. Kevin-Pascal befindet sich im Übergang von der Pubertät zum Heranwachsenden (Adoleszenz).
Hier sind die Fakten, die du für die AdA-Prüfung und den Hallenboden brauchst:
A. Körperliche Disharmonie ("Der Storch im Salat")
In dieser Phase (ca. 13–16 Jahre, oft bis 18) wachsen Jugendliche schubweise.
- Das Problem: Das Längenwachstum der Extremitäten (Arme/Beine) geht schneller als der Aufbau der Muskelkraft und die Anpassung der motorischen Koordination im Gehirn.
- Die Folge: Die Bewegungen wirken ungelenk, eckig und tollpatschig. Azubis stoßen Dinge um oder stolpern über die eigenen Füße.
- Führungs-Fazit: Das ist keine Absicht! Die körperliche Leistungsfähigkeit darf nicht überschätzt werden, nur weil der Azubi „erwachsen“ aussieht.
B. Sozialverhalten & Werte-Umbau
Das Gehirn ist eine Baustelle. Alte Verbindungen werden gelöscht, neue geknüpft.
- Ablösung von Autoritäten: Eltern, Lehrer und eben auch Vorarbeiter wie Werner werden kritisch hinterfragt. „Das haben wir schon immer so gemacht“ wird nicht mehr akzeptiert.
- Identitätssuche: Der Jugendliche schwankt zwischen Größenwahn („Ich weiß alles besser“) und totaler Unsicherheit.
- Kritikfähigkeit: In dieser Phase sind Jugendliche extrem verletzlich. Öffentliche Zurechtweisung (wie durch Werner) führt zu sofortiger Abwehrhaltung oder Trotz, um das eigene „Gesicht zu wahren“.
C. Handlungsempfehlung für Ausbilder
Wie Mark richtig erkannte: Druck erzeugt hier nur Gegendruck.
- Keine Demontage vor der Gruppe: Kritik immer unter vier Augen üben.
- Ernst nehmen statt abkanzeln: Kevins Kritik am Regal war im Kern berechtigt, nur der Ton war falsch. Mark nutzt das („Zeig mir, wie du es stellen würdest“), um Kevins Selbstwertgefühl konstruktiv zu stärken.
- Geduld: Verständnis für die motorischen Aussetzer zeigen, aber klare Grenzen beim Tonfall setzen.
3. RemNote Lernkarten
Kopiere diesen Block in dein Lern-Tool, um dich auf die Prüfung vorzubereiten.
Szenario: Kevin (19, Azubi) wirkt motorisch ungeschickt ("Storch im Salat") und reagiert auf Werners öffentliche Kritik rebellisch
- In welcher Entwicklungsphase befindet sich Kevin mit 19 Jahren fachlich korrekt? == Adoleszenz (Phase der Heranwachsenden, ca. 18–21 Jahre).
- Warum treten auch in diesem Alter noch Koordinationsprobleme ("Disharmonie") auf? == Wegen verzögerter körperlicher Entwicklung oder mangelnder Festigung der Bewegungsabläufe.
- Wie ist das rebellische Verhalten ("Ablösungsprozess") in der Adoleszenz zu werten? == Als notwendiger Schritt zur Persönlichkeitsfindung und emotionalen Unabhängigkeit von Autoritäten.
- Welchen Führungsfehler begeht Werner durch das öffentliche "Zusammenfalten"? == Missachtung des Geltungsbedürfnisses (führt zu Gesichtsverlust und Trotzreaktion).
- Welche Handlungsempfehlung gibt die Entwicklungspsychologie für den Ausbilder (Mark)? == Kritik unter 4 Augen, Partnerschaftlicher Umgang, Übertragung von Verantwortung (Partizipation).
4. Jupps Notiz
"Wenn der Stift wächst, is dat wie beim Hausbau: Draußen steht schon das Gerüst, aber drinnen fehlen noch die Leitungen. Nur weil der Junge groß is wie’n Baum, hat der noch lange keine Wurzeln. Wenn der stolpert, lach nich. Gib ihm n' Zollstock in die Hand und lass ihn mitmessen. Wer sich gebraucht fühlt, mault nich."
– Jupp, Werkstatt-Philosoph
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