Personalentwicklung: Anlage vs. Umwelt – Warum das "Elektriker-Gen" ein Mythos ist
Das leere Glas in der E-Werkstatt
Es ist kurz vor zwölf in der Elektrowerkstatt. Die Luft steht, es riecht nach altem Kaffee und verbranntem Flussmittel. Auf der Werkbank blinkt das Display einer teuren Messsonde hektisch rot: ERROR.
Davor steht Kevin-Pascal, die Schultern bis zu den Ohren gezogen, und starrt auf seine Sicherheitsschuhe. Werner, der Alt-Geselle, wischt sich aggressiv die Hände an einem öligen Putzlappen ab.
„Mark, guck dir diesen Murks an“, bollert Werner los. „Ich sag’s ja immer: Wo nix is’, kann auch nix werden. Der Jung’ is einfach nich für die Technik gemacht. Dem fehlt dat ‚Elektriker-Gen‘. Sein Vater is Bäcker, der Großvater war Postbote. Dat liegt bei denen nich im Blut.“
Mark Solberg, der Meister, lehnt sich gegen die Werkbank und verschränkt die Arme. „Werner, mach mal halblang. Du redest von Anlagen – also dem, was genetisch da ist. Aber wir müssen uns auch die Umwelt ansehen. Wie hast du ihm das Kalibrieren denn erklärt?“
„Erklärt? Ich hab ihm dat Handbuch hingelegt!“, schnaubt Werner. „In seinem Alter hab ich mir dat auch selbst beigebracht. Wer Talent hat, kriegt dat hin. Wer keins hat, lässt et bleiben.“

„Das ist zu einfach gedacht“, kontert Mark ruhig. „Stell dir vor, Kevins Talent ist ein Glas. Vielleicht ist sein Glas kleiner als deines – er ist vielleicht kein geborener Ingenieur. Aber wenn wir – also die Umwelt – nichts in dieses Glas reinkippen, keine vernünftige Unterweisung, keine Unterstützung, nur Druck... dann bleibt das Glas leer. Egal wie groß es ist.“
Kevin-Pascal hebt vorsichtig den Kopf. „Chef, ich hab im Handbuch Seite 40 nicht verstanden. Da steht was von ‚referenzieren‘, aber niemand hat mir gezeigt, wo der Referenzpunkt an der Anlage ist.“
Werner verdreht die Augen. „Hättste halt gefragt!“
„Hab ich doch! Gestern“, sagt Kevin leise. „Da hast du gesagt: ‚Nerv nicht, guck ins Buch‘.“
Mark sieht Werner an. Ein vernichtender Blick. „Siehst du? Das ist der Faktor Umwelt. Er hat gelernt: Fragen bringt Ärger. Also probiert er es allein und scheitert. Wir ändern das jetzt. Werner, du nimmst dir nach der Pause zehn Minuten und zeigst ihm den Referenzpunkt. Wir füllen das Glas. Wenn er es dann immer noch nicht kapiert, können wir über Eignung reden.“
2. Das Wissen: Anlage, Umwelt und die Entwicklung
Für angehende Industriemeister ist das Verständnis der menschlichen Entwicklung essenziell. Oft wird vorschnell geurteilt (wie von Werner), dass ein Mitarbeiter "einfach unfähig" sei. Die pädagogische Psychologie zeigt jedoch, dass Entwicklung ein Zusammenspiel verschiedener Faktoren ist.
Die Entwicklungs-Formel
Entwicklung ist kein Zufall, sondern das Ergebnis einer Funktion:
E = f(A, U, S)
- E = Entwicklung (Das Ergebnis)
- A = Anlage (Endogene Faktoren)
- U = Umwelt (Exogene Faktoren)
- S = Selbststeuerung (Autogene Faktoren)
1. Endogene Faktoren (Die Anlage)
Das sind die genetischen Voraussetzungen, die ein Mensch mitbringt ("Das Talent").
- Körperliche Merkmale (Konstitution).
- Grundlegende kognitive Fähigkeiten (Intelligenzpotenzial).
- Temperament.
- Werners Sichtweise: "Das liegt im Blut." – Diese Faktoren sind von außen kaum beeinflussbar. Sie bilden das "Gefäß" (das Glas im Beispiel).
2. Exogene Faktoren (Die Umwelt)
Das sind alle äußeren Einflüsse, die auf den Menschen einwirken.
- Soziales Umfeld: Familie, Kollegen, Vorgesetzte (Betriebsklima).
- Materielle Umwelt: Werkzeuge, Lernmittel, Arbeitsplatzgestaltung.
- Kulturelle Umwelt: Werte und Normen im Betrieb ("Fragen ist erlaubt" vs. "Nerv nicht").
- Marks Ansatz: Als Führungskraft gestalten wir die Umwelt. Ein Azubi mit durchschnittlichen Anlagen kann in einer exzellenten Lernumgebung (gute Unterweisung) bessere Leistungen erbringen als ein Hochbegabter in einer toxischen Umgebung.
3. Autogene Faktoren (Die Selbststeuerung)
Der Wille des Individuums, sich aktiv mit seiner Umwelt auseinanderzusetzen.
- Motivation, Interesse, Eigeninitiative.
- Kevin-Pascal versucht, das Problem zu lösen, wird aber durch die negative Umwelt (Werner) ausgebremst.
RemNote Lernkarten
- **Szenario: Kevin und das leere Glas (Faktoren der Entwicklung)**
- Was sind endogene Faktoren (Anlage)? == Das genetisch festgelegte Programm der Entwicklung (z.B. Intelligenzpotenzial, Körperbau, Temperament).
- Was sind exogene Faktoren (Umwelt)? == Alle äußeren Einflüsse (sozial, materiell, kulturell), die auf die Entwicklung einwirken.
- Was sind autogene Faktoren (Selbststeuerung)? == Die Kräfte, mit denen das Individuum seine Entwicklung aktiv selbst gestaltet (z.B. Wille, Interesse, Eigeninitiative).
- Wie lautet die Entwicklungs-Formel? == E = f(A, U, S) (Entwicklung ist eine Funktion aus Anlage, Umwelt und Selbststeuerung).
- Wie wirken Anlage und Umwelt zusammen? == Die Anlage bestimmt den *Möglichkeitsraum* (Größe des Glases); die Umwelt bestimmt, wie weit dieser *ausgeschöpft* wird (Füllstand).💡 Jupp meint:
"Hör mal, dat is wie beim Motor. Der Hubraum (die Anlage) ist ab Werk fest eingebaut, da machste nix dran. Aber ob die Karre läuft oder stottert, hängt davon ab, ob du vernünftiges Öl reinkippst und die Zündung einstellst (die Umwelt). Bevor du sagst 'Der Motor is Schrott', guck erst mal, ob Sprit im Tank is!"
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Hinweis: Dieser Beitrag dient ausschließlich Lernzwecken für die IHK-Prüfung und stellt keine Rechtsberatung oder offizielle Lernmaterialien dar. Trotz sorgfältiger Recherche keine Gewähr für Richtigkeit.
